Reactivated: Im aufstrebenden Licht

Nachts unterwegs, alleine in der Stadt. Umgeben von der Dunkelheit, heller als so mancher Morgen. Getrieben von der Ruhelosigkeit, das Ticken der Uhr unaufhaltsam voran. Beobachtet von tausend Augen und doch völlig unbemerkt. Eingeschlossen von Mauern aus Backstein, der Weg begrenzt durch Kantsteine. Unüberwindliche Hindernisse der Sitte und des Anstands. Ziellos in einer Welt aus Stein, geleitet durch das Rauschen der Autos. Flackernde Lichter, so laut wie ein Schwarm Bienen bilden mit dem Rauschen der Hintergrundbeschallung einen Kokon der Stille, der so laut ist, dass die eigenen Gedanken verloren gehen.

In diesem Nichts aus Vielem. Gehortetes über und über, gestapelt, gesammelt, verrammelt hinter Schloss und Riegel. Beschützt vor dem fliehenden Auge, dem verdächtigen Wanderer in dunkler Nacht. Der pochende Herzschlag der Umgebung so laut und unregelmäßig. Ohne Bezugspunkte und Sterne zum Orientieren. Wankend auf festem Boden, die Strecke im Blick, immer geradeaus, voran mit ausholendem Schritt, ohne je vorwärts zu kommen. Einsam in der Masse und unbedeutend, eingereiht in den Herrscharren der vielen. Aufrecht geknechtet, das Ziel vor Augen und ohne Grund, es zu erreichen.

Feucht kalte Luft setzt sich klamm und listig zwischen die Schichten der Kluft. Unbehagen und Frische durchzuckt den Körper. Die Gedanken kehren zurück mit dem Licht des neuen Tages. Neue, zusätzliche Geräusche unterbrechen die nie vorhandene Stille, durchbrechen die Wand aus Isolation. Im Geiste war es ruhig, still, befreit vom Lärm, befreit vom Hintergrundrauschen der Gedanken. Nur für sich allein. Einsam, ohne es zu bedauern. Frei von der Last der Umgebung, der Schwere des Schicksals. Beobachtet und doch unbemerkt entfaltet sich im Kopf ein Universum voller Möglichkeiten. Die Welt zu Füßen, die Erinnerungen des Universums vergegenwärtigt. Befreit aus ihrem Schlaf im Inneren. Der Herzschlag nur noch eine wage Erinnerung an das Körperliche und die Gebundenheit ans Irdische. Wie ein Paukenschlag durchfährt einen die Ruhe, übertönt alles andere. Lässt Erkenntnis auf grauem Beton erblühen, lässt Wissen reifen in saftigen Früchten und vollen Farben. Nicht allein, inmitten von allem. Ein kleiner Teil, aber doch ein Teil, ein Teilstück, so bedeutend wie das Ganze an sich. Alles und jeder nur einen Augenschlag entfernt. Man muss nur wollen, sehen, begreifen und sich entscheiden. Einfachheit erstrahlt und die Sonne geht auf.

Geweckt vom Zwitschern der Vögel. Müde und erschlafft sehnt sich der Körper nach Ruhe und Geborgenheit. Die Vertrautheit des Bettes und die Wärme geliebten Körpers. Frieden in kuscheligen Decken ohne die Last der Erleuchtung. Befreit von den Sünden des Tages, eingehüllt in der Schwärze des Schlafs. Echte Dunkelheit ohne Furcht in ihr zu ertrinken. Ist er erst einmal wieder bei Kräften, so soll es geschehen. Umsetzen, was der Wille gesehen. Tun, was die Gedanken träumten. Ganz einfach. Aber vorher dann doch schlafen. Viel schlafen und ruhen. Aber dann. Ein anderes mal vielleicht, wenn Zeit ist. Nicht ausgerechnet heute. Die Stadt ist doch gerade erst erwacht.

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    • ExCheffe: Schön, schön, wird ja alles bei dir. Alles Gute weiterhin und frohe Feiertage. Viele Grüße vom ExChe ...
    • netfighters: Also ich habe Kiel erst in diesem Jahr kennen und lieben gelernt und sehr vieles was in dem Video zu ...
    • ExCheffe: Glückwunsch und aussprechende Annerkennung!!! ...
    • ExCheffe: Jaaaaaaa! Vieleicht beim Master :-) Gruß ExCheffe ...
    • raven: per spontan Einfall im Dozenten Büro :) mein erstes Thema, was aufgrund von Projekten und zeitlicher ...